ABS fürs AD(H)S – Der ganz normale Alltag einer nicht ganz alltäglichen Familie


MMhhh….wie soll ich bloß anfangen? Wie sagt man so schön: „Aller Anfang ist schwer“. So war es auch, als uns das Jugendamt mitteilte, dass wir bald in den Genuss einer Familienhelferin kommen werden, die uns eine Zeit lang begleiten wird und uns dabei helfen soll unser Leben in den Griff zu bekommen. Wir, das sind ich, die Mama, 33 Jahre alt (A), der Papa, 35 Jahre alt (D), und unsere beiden Söhne, 10 und 12 Jahre alt ((H) und S).

Wie wird diese Familienhelferin bloß aussehen? Was wird sie an uns wohl ändern wollen? Was, wenn uns das überhaupt nicht in den Kram passt? Können wir sie auf dem Scheiterhaufen verbrennen, ohne dass es jemandem auffällt? Oder wird sie ganz von selbst weglaufen, wenn sie erst einmal sieht, wo sie da hinein geraten ist? Viele Fragen, die wir uns gestellt haben, bevor wir sie trafen, doch dann kam alles anders. Clarissa ist eine ganz lockere, unkomplizierte „Socke“, sympathisch noch dazu. Viel zu sympathisch, wenn ihr mich fragt, denn das zwingt einen dazu, das zu tun, was sie einem nahe legt. Und das Schlimmste daran ist: Sie hatte bisher immer Recht! Warum das schlimm ist, fragt ihr mich? Liegt das denn nicht auf der Hand? Das heißt doch, dass wir Unrecht hatten – Ego braucht nun ganz viel Wund- und Heilsalbe, auch wenn sich in unserem Leben einiges zum Guten geändert hat, seitdem die liebe Clarissa sich das Abenteuer mit der Familie AD(H)S antut. Aber das Gute daran ist, dass sie nicht versucht uns selbst zu ändern.

Wie auch schon die Überschrift erahnen lässt, leiden wir alle an der Aufmerksamkeits-Defizit-Störung. Und wie sind wir darauf gekommen? Na, Clarissa hatte da so eine Vermutung, nachdem sie festgestellt hat, dass es bei uns ein klein wenig chaotisch zugeht. Wie chaotisch? Geht in den Zoo, beobachtet die Schimpansen eine Weile, wie sie sich mit Obst bewerfen, und ihr bekommt eine Idee; wenn ihr dann noch die Raubtiere bei der Fütterung seht und die Nilpferde, wie sie sich im Schlamm suhlen, dann vielleicht noch einen durchgeknallten Wolf dabei beobachtet, wie er seit Stunden versucht seinen eigenen Schwanz zu fangen, dann kommt ihr unserem Alltag ein gutes Stück näher. Wobei es sich um einiges gebessert hat, seitdem Clarissa A (ssum) uns begleitet. Ihr wollt wissen, wie es dann erst davor war? Um das zu erfahren, hättet ihr uns besuchen müssen oder ihr müsst eine Rucksacktour durch die Kriegsgebiete in Afghanistan auf euch nehmen (Ich übernehme für die Folgen natürlich keinerlei Haftung!).

Hört sich alles heiter an und gar nicht so schlimm. Aber jetzt mal im Ernst, was ich hier so lockerflockig aus der Versenkung hole ist ernster als es rüber kommt. AD(H)S ist kein Spaß. Die Krankheit kostet Nerven, Kraft und nicht selten auch Freundschaften, weil die mit dieser Krankheit nicht umgehen können. Seit zwei Wochen weiß ich, dass wir alle betroffen sind. Jetzt können wir unser Leben ändern. Wir wissen jetzt, dass wir nicht faul, schlampig und dumm sind. Wir sind einfach nur krank. Und das verdanken wir der lieben Clarissa. Jetzt „schleift“ und „doktort“ die gute Fee schon so lange an uns rum, hat uns geholfen Struktur in unser Chaos zu bekommen, uns wieder ein Ziel gegeben und vor allem auch dazu beigetragen, dass (H) und S wieder mehr Zeit in die schulischen Aufgaben stecken, deshalb wird es nun Zeit, dass wir eins sagen:

Dankeschön, liebe Clarissa!

Für alle die sich unter der Krankheit nichts vorstellen können, hier ein kleiner Auszug aus meinem Alltag mit ADS und ADHS (Ich habe beide Formen):

- Ich stehe auf und habe einen Schleier vor den Augen. Erster Kaffee, zweiter, dritter, vierter… der Schleier ist immer noch da.

- Ich versuche diesen Schleier zu ignorieren und denke drüber nach, welche Aufgaben mich heute erwarten. Es fällt mir jede Menge ein, eine innere Unruhe überkommt mich. Es ist, als hätte mich jemand mit Elektrizität aufgeladen, die ich nicht wieder abgeben kann. Denn die Unruhe ist nur in meinem Inneren und ich bin nicht in der Lage irgendwas von dem zu erledigen, worüber ich nachdenke.

- In meinem Kopf spielen sich viele verschiedene Filme ab. Ich kann immer nur einen Riss von einem einzelnen Film erhaschen und nehme meine Gedanken nicht wirklich als Ganzes wahr.

- Ich schaue auf die Uhr und muss mit Entsetzen feststellen, dass es bereits 16.00 Uhr oder später ist und ich schon wieder zu spät zur Arbeit komme. Dabei dachte ich, dass erst zwei Stunden vergangen sind, seitdem ich mich aus dem Bett gequält habe. Kein Zeitgefühl, auch ADS-bedingt.

- Auf der Arbeit überfordere ich mich selbst, weil ich fünf Dinge auf einmal beginne. Immer wieder lass ich mich von einem neuen Reiz ablenken, bevor ich eine Arbeit zu Ende bringe. Die Zeit – mein ärgster Feind - läuft mir davon.

- Ich versuche mich zu beeilen, dabei werde ich so hektisch, dass ich mich schon wieder verletze, so wie ich es fast täglich tue. Unfälle seit meiner Kindheit: Unzählbar! Ebenso wie die Narben und Brüche.

- Mittlerweile ist es zwei Uhr morgens, Feierabend! Ich fahre mit meinem LKW nach Hause und freue mich darüber ins Bett zu gehen, da ich erschöpft und ausgelaugt bin. Die vielen Gedanken, die ständige, innere Unruhe, die mich durchs Leben hetzt, haben ihr Übriges getan. Ich lege mich hin und da sind sie wieder: viele, viele unklare Gedanken, die durch meinen Kopf jagen. An Schlafen ist jetzt nicht mehr zu denken.

….und ich weiß, was mich morgen wieder erwartet und frage mich: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis dein Herz aufhört zu schlagen, weil es erschöpft ist?

Das alles ist Gott sei Dank bald vorbei. Denn die Therapie beginnt in zwei Wochen.